Wenn der Faschismus an deinem Küchentisch Platz nehmen möchte

Er ist mit einer Fehlbildung an der linken Hand zur Welt gekommen und somit für den Wehrdienst als untauglich ausgemustert worden. Als Kind faszinierte mich seine Hand, ich kann nicht sagen warum, doch ich empfand sie als wunderschön. Ich habe sie mir bei jedem Besuch genau angeschaut und sie ständig berührt. Mein Opa väterlicherseits war Jahrgang 1916 und Antifaschist durch und durch. Als junger Mann erlebte er den Nationalsozialismus.

Aktuell denke ich oft an Opa. Manchmal schaue ich dabei in den Himmel und grinse. Vielleicht sieht er es ja. Zumindest ist das eine schöne Vorstellung. Mein Opa war über 50 Jahre Mitglied bei den Sozialdemokraten und ist kurz vor seinem Tod aus der Partei ausgetreten, weil er ihre neoliberale Politik nicht mehr mittragen konnte. Er war zutiefst enttäuscht von „seiner“ SPD.

Ich denke oft an Opa. Weil es Menschen gibt, die offen rechte und rechtsextreme Äußerungen machen. Damit meine ich nicht nur die, die wir in den Nachrichten oder in den sozialen Netzwerken sehen. Ich meine konkret Menschen aus meiner eigenen Familie. Und ich frage mich, wie er wohl darauf reagieren würde? Würde er etwas sagen? Würde er dagegen gehen? Ich vermute, ja. Denn er hat die Nazis und mit ihnen eine echte Diktatur erlebt. Und er hat immer wieder gesagt, so etwas dürfe sich niemals wiederholen.

Sie (die Person) hat mir vor ein paar Tagen eine Nachricht gesendet, dass sie nicht an Corona glaube. Sie vermute, dahinter stecke etwas anderes. Außerdem hoffe sie, dass die AfD gewinnt und die „Merkel-Diktatur“ endlich vorbei sei. Als ich diese Nachricht las, lief es mir eiskalt den Rücken hinunter. Ich hatte es zwar schon lange im Gefühl, dass sie mittlerweile eine eher rechte Gesinnung hat, aber dass sie so weit rechts steht, wollte ich nicht wahrhaben. Doch jetzt kann ich es nicht mehr leugnen und auch nicht mehr verdrängen. Sie ist eigentlich eine wichtige Person für mich gewesen. Früher. Als wir Kinder waren, haben wir zusammen gespielt, gelacht und ich war gerne in ihrer Nähe. Ich bin die Patentante ihres Kindes.

Wir haben uns in den letzten Jahren verloren. Wir sind in völlig verschiedene Richtungen auseinandergedriftet. Wir haben es beide gemerkt und nichts gesagt. Das Kind sehe ich kaum noch. Ich denke manchmal an unsere unbeschwerten Zeiten zurück. Damals, als wir mit Opa die Landesgartenschau besuchten. (Wir waren oft zusammen dort). Damals, als wir zusammen an der Nordsee waren. Damals, als wir gegenseitige Übernachtungsgäste waren und nicht einschlafen wollten, weil wir so viel zu bereden hatten. Damals, als wir gelacht haben.

Ich habe sie schon lange nicht mehr lachen sehen. Und wenn ich sie gesehen habe (das kam in den letzten Jahren nicht oft vor), dann waren ihre Augen leer und der Blick eisig. Alles Unbeschwerte und alles Zarte in ihr waren vergangen. Wir sind uns nicht (mehr) ähnlich. Es gibt mehr trennendes als verbindendes. Unser Blick auf diese Welt ist so gegensätzlich, dass es fast unmöglich ist, etwas Gemeinsames herauszuschöpfen. Trotz alledem kann ich sie nicht gänzlich als Mensch ablehnen. Denn ich habe einen Funken Hoffnung, dass da dieses Herz ist, das lacht und sich für andere öffnet.

Ich habe bis jetzt noch nicht auf die Nachricht geantwortet. Warum hat sie mir all das überhaupt geschrieben? Was möchte sie damit erreichen? Möchte sie mich herausfordern? Möchte sie mich provozieren und dies als Anlass nehmen mich komplett aus ihrem Leben zu streichen? Sie hat schon mehrfach den Kontakt abgebrochen und ihn wieder gesucht. Ich weiß manchmal gar nicht woran ich bin. Soll ich überhaupt auf ihre Nachricht reagieren? Im Grunde weiß ich, dass eine Diskussion uns beide nicht weiterbringen würde. Ich weiß, dass sie sich persönlich angegriffen fühlen würde. Ihre Argumente würden bei mir einfach ins Leere laufen und ich könnte unendlich viele Gegenargumente anbringen. Gute Argumente. Das wäre meine Waffe. Und ich würde mich dabei zutiefst schlecht fühlen. Ich kann es nicht ertragen ihr überlegen zu sein. Ich kann es kaum aushalten, wenn ich weiß, dass mein Gegenüber nicht das Niveau meiner Argumente erreichen wird. Ich möchte mich nicht über einen Menschen stellen und schon gar nicht über jenen, den ich eigentlich mag. Es würde sich falsch anfühlen.

Vor einer Weile habe ich das Buch von Franziska Schutzbach „Die Rhetorik der Rechten“ gelesen. Sie beschreibt und entlarvt die Diskursstrategien der Rechtspopulist*innen. Am Ende des Buches macht sie Vorschläge für Gegenstrategien. Daran musste ich denken. Also nehme ich das dünne Büchlein in die Hand und blätterte an das Ende, um noch einmal zu überfliegen was die Autorin sagt. Ich sehe, dass ich ein paar Zeilen mit Bleistift unterstrichen habe:

„Entscheidend für den eigenen Seelenfrieden (…) ist es, in solchen Fällen die eigene Nichtzustimmung zu signalisieren.“

Weiter unten habe ich folgende Stelle markiert:

„Darüber hinaus ist es wichtig, immer wieder zu betonen, wofür die populistische Rechte wirklich steht: Sie ist im Kern intolerant, diskriminierend, autoritär und schädlich für den Pluralismus in einer Demokratie.“

Ich frage mich, ob ich nicht doch auf ihre Nachricht hätte reagieren sollen? Hätte ich mich deutlich und gar vehement dagegen positionieren müssen? Im Grunde kennt sie meine Haltung, sie weiß wo ich politisch stehe. Vielleicht wollte sie mich ja doch auf irgendeine Weise herausfordern? Sicher kann ich mir natürlich nicht sein, aber eigentlich weiß ich, dass eine Diskussion zwischen ihr und mir (über einen Messenger-Dienst) völlig destruktiv und ohne einen Funken Annäherung ausgegangen wäre.

Ich blättere weiter im Buch von Schutzbach und lese folgenden Satz, der mich sehr entlastet:

„Es ist legitim, sich aus Gesprächen zurückzuziehen und die eigene Energie zu schonen.“

Genau das, denke ich. Ich kann – und möchte – mich nicht auf diese Art und Weise mit ihr und ihren Gedanken auseinandersetzen. Wohlwissend, dass eine Diskussion ins Leere laufen wird. Dass der Graben noch tiefer werden wird. Dass es gar nicht zu einer echten, konstruktiven Auseinandersetzung kommen wird. Hinzu kommt die Angst, mich noch weiter von ihr zu entfernen, sie eines Tages gar nicht mehr erreichen zu können. Vielleicht denke ich so, weil ich (noch) an das Gute in ihr glaube. Weil ich weiß, dass die Panzerschicht womöglich „nur“ aufgebrochen werden müsste.

Auf meinem Instagram-Profil bezeichne ich mich als Antifaschistin. Ich habe kein Herz für Nazis. Kann ich das heute immer noch sagen? Denn schließlich ist sie den Nazis nicht abgeneigt. Sie benutzt ihre Sprache („Merkel-Diktatur“) und scheint sie auch zu wählen. Es ist so einfach, Menschen, die mir noch nie nahe standen, und die eindeutig rechtes und faschistisches Gedankengut äußern, zutiefst abzulehnen. Ihnen zu sagen, wie abscheulich ich sie finde. Doch bei ihr kann ich das nicht. Dafür verbindet uns zu viel. Nämlich unserer beider Kindheit. Selbst wenn ich es wollte, ich kann sie nicht ablehnen. Nicht so. Nicht auf diese Wise.

Ich fühle mich gerade wie in einem schlechten Film, denn seit Monaten beschäftige ich mich durch meine wissenschaftliche Arbeit mit dem Thema Verschwörungserzählungen und rechtsextremes Gedankengut. Die Theorien dazu sind mir bekannt, ich weiß welche Mechanismen dahinter stehen und wie sie enttarnt werden. Ich habe mich durch die bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse durchgewühlt, schreibe gerade das Design für meine eigene Forschungsarbeit und bin mit der Konfrontation einer solchen Situation offenbar völlig überfordert. Das mag paradox klingen, denn man sollte meinen, ich hätte mir nun das ultimative Wissen angeeignet, um genau für jene Situation, wie ich sie vor ein paar Tagen erlebt habe, gut gewappnet zu sein. Ja klar, das bin ich einerseits. Andererseits aber auch nicht. Denn, sobald Emotionen im Spiel sind, wird es schwer. Sobald ich mich mit einer Person emotional verbunden fühle, kann ich nicht nur rational sein.

Die Situation hat mich sehr beschäftigt und sie hat mich traurig, nachdenklich, aber auch total wütend gemacht. Ich kann sie – die Person -  nicht ablehnen, aber den Faschismus schon. Keine Sorge Opa, ich werde nicht zulassen, dass sich der Faschismus an meinen Küchentisch setzt.  

Während ich diesen Text schreibe, denke ich an das Buch des Soziologen Didier Eribon „Rückkehr nach Reims“. Ein Buch, das mich sehr berührt hatte. Eribon, ein Arbeiterkind aus dem eher linken Milieu, analysiert wie ein Teil der Arbeiterklasse plötzlich Anhänger des Front National wird. Er sagt zum Beispiel, dass es naiv sei die Arbeiterklasse automatisch in das politisch linke Spektrum zu verorten. Die Sprache der Linken habe sich verändert und die der Rechten sei für viele – gerade aus dem Arbeitermilieu – attraktiv geworden. In Deutschland war die SPD einst eine Partei, die die Interessen der Arbeiter*innen vertreten hatte. Das ist sie heute längst nicht mehr. Ich kann tatsächlich verstehen, wenn Menschen sich von ihr abwenden – genau wie es mein Opa getan hatte. Dass Menschen sich Populist*innen und rechten Parteien öffnen, liegt auch am Versagen der Linken.

Wir beide – sie und ich – kommen aus dem Arbeitermilieu, wir sprechen die gleiche Sprache und können uns doch nicht verständigen. Diese Tragik wurde mir mal wieder bewusst.

Ich habe bis zum heutigen Tag nicht geantwortet. Nicht, weil ich es nicht könnte. Nicht, weil ich nicht die besseren Argumente hätte. Ob es wirklich „richtig“ ist, sich (erstmal) gegen eine Konfrontation zu entscheiden, kann ich nicht sagen. Für mich gibt es aktuell keine andere Option. Ich kann gerade nicht die Ressourcen aufbringen mich mit ihrer Gesinnung auseinanderzusetzen. Meine Ressourcen sind knapp, ich arbeite viel und bin an fast jedem Abend so erschöpft, das ich regelmäßig bei meinen Lieblingsserien einschlafe und das Ende verpasse. Ich muss meine Kraft sinnvoll einteilen und Entscheidungen treffen, wo ich sie gerade einsetzen kann und wo nicht.

Keine Sorge Opa, ich habe kein Herz für Faschisten. Doch ich habe Hoffnung.

In Liebe,

Sandra